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Herrn Hans Kratzer

Süddeutscher Verlag

Hultschinerstr. 8

81677 München

                                                                                                                                                                          Traunstein, den 23.12.2017

Grüß Gott Herr Kratzer,

mit Interesse habe ich Ihren Bericht in der SZ vom 22.November zur Situation der bairischen Sprache gelesen. In vielen Punkten haben Sie recht. Erlauben Sie, dass ich unsere Meinung dazu sage. Der Sprachverfall unterliegt keinem Naturgesetz, sondern hier spielen andere Kräfte eine Rolle, gesellschaftliche Verhältnisse, Mobilität, kulturelles Bewusstsein, Sprachwissen, Wertschätzung einer Sprache, etc. und da wäre einiges zu beeinflussen. Seit dem ausgehenden Mittelalter waren die Deutschen auf der Suche nach einer einheitlichen Sprache. Nach dem Aufklärer und Sprachnormierer Gottsched (1700 -1766) war da nicht eine bestehende Sprache zum Vorbild zu erheben, sondern eine „Kunstsprache“ als übergreifende Norm zu schaffen. Für nachahmenswert erklärte er dabei, die gesprochene Sprache der „Vornehmen und Hofleute in der Hauptstadt eines Landes“, also weder die ländliche Mundart noch die Sprachform des städtischen Pöbels – so Gottsched. Allerdings könne eine gesprochen Sprache keine Norm sein, so dass man die „Werke der besten Schriftsteller zu Hülfe nehmen müsse“.

Seit mehr als 300 Jahren wird nun die Volkssprache bekämpft, als minderwertig hingestellt und deren Sprecher einer ungebildeten oder einer sozialen Unterschicht zugeordnet. Diese Spracharroganz und Diskriminierung sind allgegenwärtig, nur regt sich – ganz im Gegensatz zu anderen Formen der Diskriminierung – niemand darüber auf. Da braucht es einen nicht zu wundern, wenn vor allem die Jugend mit unserer Sprache und Kultur nichts mehr zu tun haben will. In den letzten Jahren hat sich ein gewisser Umschwung ergeben, Muttersprache und Dialekt werden z. T. wieder etwas positiver gesehen. Dieser Meinungsumschwung ist nicht zuletzt der Arbeit der Sprachvereine zu verdanken. Der Sprachverfall setzt sich dennoch fort, denn die jahrhundertelange Ablehnung sitzt tief und Spracharroganz in Verbindung mit einem gewissen Bildungsdünkel sind noch lange nicht überwunden. Der Verlust oder Erhalt einer Sprache ist ein vielschichtiger Vorgang, die Sprachvereine haben dazu zwar ihre Meinung, ihre Möglichkeiten sind aber beschränkt. In erster Linie müsste sich die Wissenschaft damit befassen und zwar nicht nur Sprachwissenschaftler, sondern auch andere, wie z. B. Historiker, Soziologen, Volkskundler etc. Wir fordern seit langem ein unabhängiges sprachliches Institut, aber das hat bisher niemand interessiert. Ein zentraler Punkt ist nach unserer Einschätzung das Ansehen der bairischen Sprache, sie muss wieder einen Wert bekommen und die bestehenden Vorurteile sind abzubauen. Dazu braucht es mehr, als die Lippenbekenntnisse, die überall zu hören sind; die Sprache braucht einen umfassenden Rückhalt. Nach dem Bremer Linguisten Prof. Dr. Thomas Stolz gilt: „Nicht weil Sprechergruppen verschwinden, sondern weil sich Gemeinschaften gegen sie entscheiden, sterben Sprachen“. Hier sind als erstes die Politik, die Medien, und die Schulverwaltungen gefordert. In der ersten Ausgabe der SZ nach dem Kriegsende 1945 steht ein Satz, in dem sie den undeutschen Zentralismus ablehnt und sich dem bayerischen Geschichtsbewusstsein und Föderalismus verpflichtet. Dazu gehört auch unsere Sprache und die SZ könnte sich um den Erhalt des Bairischen verdient machen, wenn sie sich entschließen könnte sich aktiv dafür einzusetzen.

Mit freundlichen Grüßen

Rudolf Mörtl

(Verein Bairische Sprache und Mundarten Chiemgau-Inn)